Thomistische Philosophie

Glückseligkeit – Ziel aller menschlichen Tätigkeit

Scholastiker - Mon, 07/10/2017 - 12:48

In einem vorherigen Blogbeitrag habe ich dafür argumentiert, dass es ein letztes Ziel aller menschlichen Handlungen gibt. Auch wenn es unzählbare verschiedene Ziele der zahlreichen Handlungen in unserem Leben gibt, so sind diese vielen Ziele letztlich auch ein letztes Ziel gerichtet, ohne die es diese Zwischenziele nicht geben würde, denn im Vergleich zum letzten Ziel sind alle anderen Ziele nur Mittel. Dieses letzte Ziel ist nach Auffassung der aristotelisch-scholastischen Philosophie die Glückseligkeit. In allen unseren Handlungen streben wir nach Glück, letztlich nach vollkommenem Glück. Doch was ist das?





Aristoteles schreibt dazu am Beginn seiner berühmten „Nikomachischen Ethik“: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Glück“. Jeder will glücklich werden, dass ist unumstritten, auch wenn wir nicht bei allem, was wir tun, stets daran denken, glücklich zu werden. Wir brauchen auch gar nicht daran zu denken. Auch ohne ein Bewusstsein davon streben wir nach der Glückseligkeit; nicht nur nach diesem oder jenem „kleinen Glück“, sondern nach einem letzten, vollkommenen Glück, in dem sich all unser Streben erfüllt. Moralisch folgt daraus das Recht jedes Menschen, nach seinem Glück zu streben.


Doch was ist das Glück? Was ist vollkommene Glückseligkeit? Worin besteht diese? In der Antwort auf diese Frage gehen die Ansichten weit auseinander, wie ebenfalls schon Aristoteles betonte. Deshalb hat er sich darangemacht, die Antwort auf eine objektive Grundlage zu stellen.


Ganz allgemein kann man, nachdem was ich in bereits in dem früheren Blogbeitrag gesagt habe, feststellen, dass die Glückseligkeit darin bestehen muss, dass die Natur des Menschen, seine Wesenheit, sich in vollkommener Weise entfalten kann, dass sich der Mensch in seinem Menschsein vollkommen verwirklicht und zwar so, dass keine Wünsche mehr übrigbleiben.


Hier unterscheiden die Scholastiker nun zwischen einer objektiven und einer subjektiven Glückseligkeit. Subjektive Glückseligkeit meint dabei Ihre persönliche Glückseligkeit, bzw. die Antwort auf die Frage, worin Ihr ganz persönliches Glück besteht. Die objektive Glückseligkeit besteht in einem objektiven Gut, dass alles Streben nach Glück vollständig befriedigt. Dieses Gut muss so verfasst sein, dass es mit keinem bestimmten Gut identisch ist, denn es gibt kein endliches Gut, dass das Streben nach vollkommener Glückseligkeit erfüllen kann. Thomas von Aquin nennt dieses objektive Gut das summum bonum, das höchste Gut.


Seit Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden sucht man in der Philosophie nach einer Antwort auf die Frage nach dem summum bonum und die Antworten sind naturgemäß sehr unterschiedlich ausgefallen. Ich will hier nicht die verschiedene Antworten Platons, Aristoteles‘, der Stoiker und anderer antiker Philosophen, sowie die Antworten der neuzeitlichen Philosophen wie Leibniz oder Kant aufführen. Insbesondere seit dem Ende des 19. Jahrhunderts haben die Glückvorstellungen durch die zahlreichen Ideologien des Kommunismus und Sozialismus, einschließlich des Nationalsozialismus deutlich zugenommen und wurden v.a. durch politische Aktivitäten zu realisieren versucht, was zu massiven „Kollateralschäden“ geführt hat, letztlich zu weit über 100 Millionen Toten. Eine der aktuellen Ideologien, die das vollendete Glück verkünden, scheint die Gender Mainstreaming Ideologie zu sein, eine Variante der schon erwähnten Gleichheitsideologien.


Nach Thomas von Aquin und seiner Schule, aber auch nach Auffassung der Mehrheit der mittelalterlichen Philosophen, besteht das vollkommene Glück nicht in irgendeinem endlichen Gut, sondern letztlich allein in Gott. Gott ist die objektive Glückseligkeit und die subjektive Glückseligkeit besteht entsprechend in der Erlangung dieser objektiven Glückseligkeit, in der Gemeinschaft mit Gott, bzw. in der Vergöttlichung des Menschen durch die Teilhabe an der göttlichen Natur.


Das ist natürlich eine sehr starke Behauptung und viele, vielleicht die meisten Menschen werden dieser Behauptung nicht zustimmen. Doch es gibt Argumente, die diese Behauptung stützen.


1.     Kein äußeres Gut, so hatten wir gesagt, wird um seiner selbst willen erstrebt
2.     Ebenso wird auch kein inneres Gut um seiner selbst willen erstrebt
3.     Alle inneren und äußeren Güter sind deshalb Mittel in Bezug auf ein Gut, das um seiner selbst willen erstrebt wird.
4.     Das höchste Gut muss so beschaffen sein, dass es um seiner selbst willen erstrebt wird und nicht um eines anderen willen.
5.     Daher kann das höchste Gut mit keinem inneren oder äußeren Gut identisch sein.
6.     Es gibt aber nur ein Gut, dass alle anderen Güter übersteigt und selbst unendlich ist und das ist Gott.
7.     Also ist Gott das höchste Gut und das, was in allem erstrebt wird.


Ausführlichere Argumentation zu diesem Punkt finden Sie z.B. im Grundkurs Philosophie VI: Natürliche Ethik.

Thomas von Aquins Kommentar zur Metaphysik des Aristoteles

Scholastiker - Fri, 06/23/2017 - 20:13
Es geht weiter: Inzwischen sind neun von zwölf Büchern des bekannten Kommentars Thomas von Aquins zur Metaphysikdes Aristoteles erschienen. Der Kommentardes hl. Thomas stellt das wohl umfangreichste philosophische Werk Thomas von Aquins dar und zeigt nicht nur die Nähe Thomas‘ zur Philosophie des Aristoteles, sondern zugleich auch seine Selbständigkeit und die Weiterentwicklung der von Aristoteles entwickelten Grundlagen der Philosophie. Selbst Philosophen, die keine besondere Nähe zu Thomas haben gestehen gerne zu, dass der Kommentar Thomas von Aquins bis heute die beste Interpretation zur aristotelischen Metaphysik darstellt. Es gibt keine Interpretation der Metaphysik des Aristoteles, die keinen Bezug nimmt auf den Kommentar von Thomas.


In den vergangenen Monaten sind zu den bereits erschienen Bänden fünf Bänden, die ich hier im Blog bereits kurz vorgestellt habe zwei weitere Bände in deutscher Übersetzung erschienen.  Der Band „Materie und Form. Aktualität und Potenzialität“ enthält gewissermaßen das Herz der gesamten aristotelisch-thomistischen Philosophie, nämlich die sogenannte Akt-Potenz-Theorie. Diese Theorie, die für die gesamte scholastische Philosophie zentral ist und für Thomas noch mehr als bei allen anderen Scholastikern, wird hier von Aristoteles erstmals entwickelt und von Thomas kommentiert. Schon vor meinem Urlaub und in diesem selbst habe ich mir die Zeit genommen, diesen Text erstmals in deutscher Übersetzung zu lesen. Bisher gab es nur eine englische Übersetzung für diejenigen, die der lateinischen Sprache nicht so mächtig sind, dass sie den gesamten Text in Latein studieren können (zu denen ich selbst auch gehöre). Die deutsche Übersetzung ist sehr gelungen und wurde von dem Theologen und Thomas-Spezialisten, Privatdozent Dr. Klaus Obenauer besorgt, der unter anderem an der berühmten „Deutschen Thomas-Ausgabe“ mitarbeitet und Herausgeber der ganzen Übersetzung ist. Eine gute Übersetzung bedeutet natürlich nicht unbedingt, dass der Text leicht zu lesen ist.
Der Band enthält die Übersetzung von zwei Büchern des Kommentars, nämlich des 8. und 9. Buches. Der achte Band stellt die Lehre von Form und Materie vor und zwar in Auseinandersetzung mit verschiedenen anderen griechischen Philosophen, insbesondere mit den Atomisten, die eine gegensätzliche Theorie vertreten. Bis heute stellt der Atomismus, der sich natürlich inzwischen weiterentwickelt hat, die Gegenposition zur Akt-Potenz-Theorie dar. Der Atomismus vertritt eine aktualistische Theorie, d.h. er bestreitet, dass es Potenzen gibt. Aristoteles und mit ihm Thomas setzt sich differenziert mit dieser Gegenposition auseinander, aber ebenso mit Platon und der platonischen Schule, die der Auffassung gibt, dass Formen („Ideen“ in der platonischen Begrifflichkeit) in einem eigenen Ideenreich existieren und nicht nur instanziiert in den individuellen Vorkommnissen, wie dies die Auffassung von Aristoteles und Thomas ist.
Das neunte Buch ist dann der Einführung der Akt-Potenz-Theorie gewidmet, wobei auch der grundlegende Unterschied zwischen logischer und realer Möglichkeit ausführlich diskutiert wird. Die einzelnen Lektionen, also Kapitel, erläutern Themen wie „Wirkliches – Mögliches – Unmögliches“, also das, was in der Philosophie auch als Modalitäten bezeichnet wird, die sehr wichtige Frage nach der „Überführung der Potenz in den Akt“ (Lektion 4), „Wann ist etwas eine Potenz?“ (Lektion 6) und andere zentrale Fragen.

Einführungsschriften in die aristotelische-thomistische Philosophie ersetzen nicht das Studium der „Klassiker“, sondern sollten dieses Studium motivieren. Ich möchte Sie herzlich einladen, die ursprünglichen Texte zu lesen. Sie motivieren zum selbständigen Nach- und Weiterdenken. Die Bände sind alle im Buchhandel erhältlich, natürlich auch im Onlinehandel

Gibt es ein letztes Ziel aller menschlichen Handlungen?

Scholastiker - Wed, 06/07/2017 - 12:42

Bei jeder unserer Handlungen verfolgen wir ein Ziel. Ohne ein solches Ziel würden wir nicht handeln. Der Begriff der Handlung ist hier in einem weiten Sinne gemeint, wozu auch das Nichtstun gehören kann. In unserem Tagesverlauf folgt eine Handlung der nächsten. Ist ein Ziel erreicht, verfolgen wir ein weiteres Ziel. Bestimmte Ziele sind anderen Zielen über- oder untergeordnet. Wir gehen einkaufen um einen Grillabend vorzubereiten. Das Einkaufen ist hier ein Mittel in Bezug auf das Ziel des Grillabends. Aber auch dieser kann wieder das Mittel für ein anderes Ziel sein. Die Frage des heutigen Beitrags lautet: Gibt es ein letztes Ziel des Menschen, dem alle anderen Ziele untergeordnet sind?







Zur Beantwortung der Frage müssen wir etwas differenzieren. Zunächst müssen wir klären, was ein solches letzte Ziel, sollte es ein solches überhaupt geben, denn ist, d.h. wie muss ein letztes Ziel beschaffen sein? Dann müssen wir unterscheiden zwischen der Frage nach dem letzten Ziel des Menschen, also einem letzten Ziel des Menschen im Allgemeinen und einem konkreten letzten Ziel, d.h. einem letzten Ziel für mich, bzw. für Sie, die Sie diesen Beitrag gerade lesen. Selbst wenn es ein allgemeines letztes menschliches Ziel gibt, muss nicht klar sein, ob es auch ein letztes konkretes Ziel für mich gibt.


1. Was ist ein letztes Ziel?


Jedes bestimmte Ziel, das ich mit einer bestimmten Handlung verfolge, kann selbst als Mittel für ein anderes höheres Ziel dienen, wie im zuvor genannten Beispiel des Grillabends. Der Grillabend kann z.B. dazu dienen, zu entspannen, Freundschaften zu pflegen, neue Bekanntschaften zu machen oder, bei Einladung des Chefs der Firma, bei der ich arbeite, die Karrierechancen zu verbessern. Und all diese Ziele, die man mit einem Grillabend verfolgen kann, können wieder anderen Zielen untergeordnet werden und damit zu Mitteln dieser höheren Ziele werden.


Wenn es ein letztes Ziel geben sollte, dann müsste dies notwendigerweise so beschaffen sein, dass es nicht mehr zum Mittel für ein anderes Ziel werden kann, sondern dass es um seiner selbst willen erstrebt wird. Es müsste daher ein Ziel sein, bei dem alles menschliche Streben, Sehnen und Wünschen an ein Ende kommt, so dass es kein weiteres Ziel geben kann, dass von diesem Ziel übertroffen werden kann. Ein Ziel somit, bei dem die menschliche Natur ihre vollkommene Erfüllung findet.


„So etwas gibt es nicht!“ werden die meisten Menschen sagen. Ob es so etwas gibt oder nicht, steht noch nicht fest und soll in diesem Beitrag untersucht werden. Jedenfalls ist jetzt etwas klarer, was ein solches letztes Ziel ist, sofern es ein solches gibt.




2. Ein letztes Ziel des Menschen und mein letztes Ziel


Sowohl für ein letztes Ziel im Allgemeinen als auch für ein letztes Ziel für mich, gelten die zuvor genannten Bedingungen: Es muss meine Natur, meine Sehnsüchte und Wünsche vollkommen erfüllen und zwar so, dass kein weiteres Ziel mehr möglich ist, dass über das erreichte hinaus erstrebenswert ist, weil es ein Ziel ist, dass um seiner selbst willen erstrebt wird.


Was ist das letzte Ziel im Allgemeinen? Die formale Antwort auf diese Frage ist im Prinzip ganz einfach. Das letzte Ziel des Menschen als Menschen ist: das Gute. Jedes Ziel, dass von Menschen erstrebt wird, ist ein Gut oder wird zumindest für ein Gut gehalten. Darum kann man sagen, dass das Gute selbst das allgemeine Ziel des Menschen ist. Es handelt sich bei diesem allgemein Guten nicht um dieses oder jenes Gut, sondern um das Gute selbst, das sozusagen, wodurch dieses oder jenes Gut gut ist. Dieses Gute ist das Endziel alles menschlichen Strebens, allen Handelns. Diese Aussage ist eigentlich wenig problematisch. Sie sagt nur, dass jeder Mensch das Gute erstrebt. Indem wir irgendetwas erstreben, erstreben wir etwas Gutes. Wäre es nichts Gutes, warum sollten wir es erstreben? Das wäre doch sinnlos. Etwas zu erstreben, dass nicht gut, sondern schlecht ist, ist nicht möglich. Daher sagt schon Aristoteles, dass wir darin nicht frei sind, dass Gute zu erstreben, denn wir können das Schlechte gar nicht anstreben. Frei sind wir darin dies oder jenes Gute zu erstreben.


Das also jeder Mensch im Allgemeinen nach dem Guten strebt, ist irgendwie selbstverständlich. Aber gibt es für jeden konkreten Menschen ein letztes Ziel, bei dem all sein Streben, seine gesamte menschliche Natur ihre Erfüllung findet? Das was von einem bestimmten Menschen als Endziel erstrebt wird – sofern es überhaupt etwas gibt, das als Endziel von konkreten Menschen erstrebt wird –, ist selbst etwas Konkretes.


Dieses Konkrete, dass von Ihnen und von mir erstrebt wird, wird entweder um eines anderen willen erstrebt, oder um seiner selbst willen. Wenn es um eines anderen willen erstrebt wird, dann wird dieses aber letztlich um etwas erstrebt, dass um seiner selbst willen erstrebt wird. Ein Gut, das um seiner selbst willen erstrebt wird, muss so sein, wie wir es zuvor schon gesagt haben: es muss zur vollkommenen Erfüllung aller meiner Wünsche, Ziele, Neigungen, ja, zur Erfüllung meiner gesamten menschlichen Natur ausreichend sein und zwar so, dass es darüber hinaus nichts gibt und geben kann, das noch erstrebenswert ist. Und dieses letzte und höchste Gut, das zugleich das Endziel all meines Strebens ist, muss zugleich konkret und „fassbar“ sein.


Nun kann man einwenden, und viele Menschen unserer Zeit werden dies gewiss einwenden, dass es ein solches letztes Ziel nicht gibt. Es gibt immer nur dieses oder jenes bestimmte Ziel, das wieder als Mittel zu einem anderen Ziel dienen kann. Aber ein letztes Ziel, in dem alles Streben und alle Handlung endgültige und letzte Erfüllung finden, gibt es nicht. Es gibt, wie man oft hört, nur dieses kleine Glück – das Glück im Urlaub, das Glück in der Familie und anderes, aber kein letztes Glück. Und so geben wir uns vielleicht viel zu früh „zufrieden“ und verzichten auf das, wozu wir eigentlich geschaffen sein könnten: das vollkommene Glück.


Es gibt ein Argument, dass genau diese Meinung widerlegt. Das Argument behauptet nämlich, dass es überhaupt keine einzige Handlung gäbe, wenn es nicht ein letztes Endziel gibt. Dies besagt letztlich, dass auch derjenige, der bestreitet, dass es ein letztes Ziel gibt, nach diesem letzten Ziel in all seinen Handlungen strebt. Es bedeutet auch, dass man das letzte Ziel gar nicht bewusst kennen muss um trotzdem danach zu streben. Das Argument sieht so aus und stellt eigentlich nur eine Zusammenfassung dessen dar, was schon gesagt wurde:


1. Jedes bestimmte vom Menschen erstrebte Gut wird entweder um eines anderen willen oder um seiner selbst willen erstrebt.
2. Wenn der Mensch ein Gut um seiner selbst willen erstrebt (d. h. so, dass alles Streben darin zur Ruhe kommt und nichts Weiteres erstrebt wird), dann handelt es sich bei diesem Gut um ein konkretes, bestimmtes Gut.
3. Dieses konkrete, bestimmte Gut ist dann ein Endziel.
4. Wenn der Mensch ein Gut um eines anderes willen erstrebt und dieses andere wieder um eines anderen willen, dann ist diese Reihe der erstrebten Güter entweder endlich oder unendlich.
5. Wenn diese Reihe der Güter endlich ist, dann gibt es ein letztes Ziel, um dessentwillen alle anderen Güter erstrebt wurden und bei dem jedes weitere Streben und damit jede weitere Tätigkeit ihr Endziel erreicht (siehe 3).
6. Wenn diese Reihe der Güter unendlich ist, dann gibt es kein letztes Ziel, um dessentwillen alle anderen Ziele angestrebt werden.
7. Jede Handlung ist auf ein Ziel gerichtet. Wenn es kein letztes Ziel gibt, dann gibt es auch kein Zwischenziel, das zur Erreichung des letzten Zieles ein Mittel ist.
8. Daraus folgt, dass es dann keine Handlung gäbe.
9. Es gibt Handlungen bei allen Menschen. Also gibt es ein letztes konkretes und bestimmtes Ziel für jeden einzelnen Menschen.


Es muss also ein Endziel geben, damit es überhaupt andere Ziele gibt, die wir erstreben. Doch warum reicht es nicht einfach, ein bestimmtes Ziel zu erreichen und dann ein nächstes Ziel in Angriff zu nehmen, vielleicht nur ein Ziel, dass als Mittel dient, aber doch mit weiteren anderen Mitteln zu einem Ziel führt, mit dem ich zufrieden sein kann, auch wenn es kein Endziel ist? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach, wie sich aus dem Argument ergibt: Weil Sie tatsächlich mit dem Erreichen dieses Ziels nicht zufrieden sind. Wären Sie es, so würden Sie in Ihrem Glück verweilen und nichts Weiteres mehr tun. Doch dies ist nicht der Fall. Sie streben weiter nach einem anderen Ziel, weil Sie noch keine vollkommene Erfüllung erreicht haben.


Aber was ist denn dann dieses Endziel allen Strebens, bei dem jedes Streben zum Ende kommt und eine vollkommene Erfüllung gegeben ist? Dieses Endziel ist die Glückseligkeit!


Dazu später mehr.

Erlaubt die Redefreiheit, in der Öffentlichkeit zu lügen?

Scholastiker - Thu, 05/11/2017 - 10:08


Die Gesellschaft fürAnalytische Philosophie (GAP) schreibt regelmäßig den sogenannten „GAP Essaypreis“ aus. So auch im Jahr 2017. Die Ausschreibung richtet sich primär an Studierende der Philosophie. In den meisten Fällen handelt es sich bei den ausgeschriebenen Themen um solche aus dem Bereich der Ethik, so auch die aktuelle Frage. Das für 2017 gewählte Thema ist durchaus aktuell, denn es betrifft u.a., zumindest indirekt, die Frage nach der Zensur von sogenannten Fake-News, also Nachrichten, insbesondere in den sozialen Netzwerken, die eindeutig falsch, also gelogen sind. Der Bundesjustizminister Heiko Maas plant derzeit ein Gesetz, mit dessen Hilfe die Betreiber von sozialen Netzwerken gezwungen werden sollen, solche Falschmeldungen zu löschen.



Natürlich gibt es keinen direkten Schluss von der Beantwortung der Frage, ob die Redefreiheit Lügen in der Öffentlichkeit gestattet zum Verbot von Fake-News, aber die Beantwortung der Preisfrage liefert zumindest eine wichtige Voraussetzung zur Antwort auf die Frage nach einem möglichen Gesetz, dass Betreiber sozialer Netzwerke auffordert, eindeutige Falschmeldungen zu löschen.


Da Scholastiker sein Universitätsstudium schon vor vielen Jahren abgeschlossen hat, gehört er nicht zu der Gruppe von Personen, die einen Essay zu der Preisfrage einreichen können. Ich möchte gleichwohl einige Anmerkungen zu diesem Thema machen und zwar, wie immer in diesem Blog, auf der Grundlage der aristotelisch-scholastischen Philosophie.


Ganz allgemein lässt sich die Frage folgendermaßen beantworten:


     1.     Lügen ist in jedem Fall moralisch verboten
     2.     Die Veröffentlichung von Lügen ist daher ebenso verboten, wie die private Lüge. Öffentliche Lügen können unter Umständen sogar moralisch verwerflicher sein, als private Lügen, da sie einen weiteren Personenkreis betreffen und dadurch weitreichendere Folgen haben als private Lügen.
     3.     Also sind Lügen in der Öffentlichkeit in jedem Fall moralisch verboten


Während die Pflicht, stets die Wahrheit zu sagen, zu den natürlichen Pflichten gehört, ist das Recht auf freie Rede kein natürliches Recht, sondern Teil des positiven Rechts. Da in der Ordnung der Rechte und Pflichten die natürlichen Rechte und Pflichten stets den Vorrang vor positiven Rechten haben, kann die Pflicht, stets die Wahrheit zu sagen, nicht durch ein Recht auf freie Rede eingeschränkt werden.


Soweit die allgemeine Argumentation, die bei einigem Nachdenken bei den meisten Menschen auf Zustimmung stoßen dürfte. Auch die kantische Ethik würde dieser Argumentation folgen, wenn auch ohne den Hinweis auf natürliche Rechte und Pflichten.


Man könnte nun allerdings die 1. Prämisse, dass Lügen in jedem Fall moralisch verboten ist, in Frage stellen und z.B. Ausnahmen konstruieren, bei denen diese Prämisse nicht gültig ist (z.B. Situationen im Krieg oder unter Zwang etc.). Daher bedarf die 1. Prämisse einer weiteren Begründung.


Unter „Lügen“ versteht man die bewusste Falschaussage. Jemand, der eine Lüge weitererzählt, allerdings nicht weiß, dass es sich um eine Lüge handelt, dem also die Lüge als solche nicht bewusst ist, lügt nicht. Mit der bewussten Falschaussage wird im Allgemeinen eine bestimmte Absicht verfolgt, z.B. wird gelogen, um sich einen Vorteil zu verschaffen, aus Angst vor Strafe oder um einer anderen Person zu schaden.


Doch warum ist die Lüge moralisch böse? Ich kann hier in einem kurzen Blogbeitrag natürlich nicht die ganze Theorie des Guten und die Negation des Guten, besser die Privation des Guten, wiederholen. Dazu finden Sie verschiedene Beiträge im Blog. Kurz gesagt besteht das Gute darin, dass es zur Erfüllung der Wesenheit einer Entität beiträgt. Zur Erfüllung der Wesenheit eines Menschen trägt die Wahrheit bei. Ohne Kenntnis der Wahrheit würden wir ständig in die Irre gehen, Fehler machen, uns in Gefahr begeben usw. Die Lüge ist die bewusste Fälschung der Wahrheit, die dadurch diese negativen Folgen zeitigt. Und diese negativen Folgen erfährt nicht nur der Belogene, sondern auch der Lügner selbst, obwohl dies oft nicht unmittelbar sichtbar und erfahrbar wird. Ausführliche Argumente zu dieser Frage finden Sie in dem in diesem Jahr erschienen GrundkursPhilosophie VI: Natürliche Ethik, von Rafael Hüntelmann.


Muss der Lügner bestraft werden? Grundsätzlich gilt, dass nicht alles, was moralisch böse ist, auch juristisch bestraft werden muss. Unhöflichkeit ist zweifellos moralisch verwerflich, allerdings wäre es nur unter einer harten Diktatur, wenn überhaupt, möglich, Unhöflichkeit juristisch zu verfolgen und zu bestrafen. Daher ist es auch nicht möglich, die Lüge grundsätzlich juristisch zu verbieten und zu bestrafen. Wer vor Gericht lügt oder in anderen bestimmten Situationen, der wird zu Recht bestraft, da es vor Gericht um die Wahrheitsfindung für ein juristisches Urteil geht. Es gibt allerdings auch andere Situationen, bei denen eine Lüge auch juristische Konsequenzen hat, z.B. wenn die Lüge eine bestimmte Person eindeutig beleidigt oder ihr einen Schaden zufügt.


Die Redefreiheit bezieht sich in erster Linie auf die freie Meinungsäußerung. Eine Meinung ist entweder wahr oder falsch, allerdings steht dies bei einer Meinung nicht eindeutig fest. Daher ist die Wahrheitsfrage in Bezug zu Meinungen offen, d.h. es steht nicht fest, welche von verschiedenen Meinungen über einen Gegenstand wahr ist. Insofern ist eine Meinung weder eine Lüge, noch eine wahre Aussage. Zur Meinungsbildung ist freilich die Erkenntnis der Wahrheit eine Voraussetzung, der Wahrheiten, die für die Meinungsbildung und die Urteilsbildung erforderlich sind. Wer hier lügt, handelt natürlich moralisch verwerflich, es dürfte aber bis auf wenige und eindeutige Ausnahmen sehr schwierig bis unmöglich sein, solche Lügen juristisch zu identifizieren und zu verfolgen. Ausnahmen sind die Fälle, die bereits jetzt vom Gesetz abgedeckt werden.

Sieben Thesen der natürlichen Ethik

Scholastiker - Sat, 04/15/2017 - 12:39
Scholastiker veröffentlicht hier die 7 Thesen zur natürlichen Ethik, die eine recht gute Kurzfassung der Grundlagen der natürlichen Ethik darstellen und die ich aus dem Grundkurs Philosophie VI. Natürliche Ethik entnommen habe, der im Januar erschienen ist.







1. Alles, was existiert, hat eine Wesenheit oder eine Natur.
Die Wesenheit oder Natur einer Entität ist das, was diese ist. Sie lässt sich prinzipiell in einer Definitionausdrücken, auch wenn dies in vielen Fällen nicht einfach oder überhaupt gar nicht möglich ist. Keine einzige Wesenheit ist für uns vollständig erkennbar, doch ist dies auch nicht erforderlich, um Wesenheiten grundsätzlich erkennen zu können. Es ist ein oft geäußerter Einwand gegen die Behauptung, dass es Wesenheiten gibt, dass diese nur unklar erkennbar sind. So gibt es z. B. bei vielen Wesenheiten die Schwierigkeit einer klaren Abgrenzung von anderen Wesenheiten. Als Beispiel kann man hier die Abgrenzung zwischen Baum und Strauch anführen. Dennoch weiß jeder, was ein Baum und was ein Strauch ist, auch wenn dies in bestimmten Fällen nicht genau bestimmt werden kann. Es gibt freilich viele weitere Einwände gegen die Annahme von Wesenheiten. Wer aus welchen Gründen auch immer Wesenheiten grundsätzlich abstreitet, kann die Argumentation der natürlichen Ethik nicht nachvollziehen.
2. Die Tätigkeit eines Existierenden folgt aus seiner Wesenheit oder Natur.
Wenn es Wesenheiten gibt, dann folgt aus ihnen die Tätigkeit derjenigen Dinge, die diese Wesenheiten haben. Mit anderen Worten ausgedrückt: Die Naturgesetze sind Gesetze der Naturen, der Wesenheiten. Dass eine Rose im Sommer blüht, wenn die entsprechenden Bedingungen gegeben sind, folgt aus der Natur der Rose.
3. Auch der Mensch hat eine Wesenheit, und aus dieser folgt seine Tätigkeit und sein Handeln.
Alle Tätigkeiten und Handlungen des Menschen sind menschliche Handlungen. Sie folgen aus seiner Natur als der eines rationalen (vernunftbegabten) Sinnenwesens. Dass Menschen lachen, ist eine menschliche Tätigkeit, ebenso wie dass Menschen Philosophie studieren.
4. Jede Tätigkeit einer Wesenheit ist auf ein Ziel oder einen Zweck gerichtet.
Tätigkeiten sind nie sinn- oder zwecklos, sondern sind stets intentional, d. h. auf ein Ziel gerichtet. Dies gilt nicht nur von menschlichen Handlungen – wenn auch hier in besonderem, d. h. bewusstem Sinne –, sondern ebenso von allen anderen Lebewesen. Die Balz der Vögel ist letztlich auf die Erhaltung der Art gerichtet, wenn dies den Vögeln auch überhaupt nicht bewusst ist oder bewusst sein muss. Das Ziel jeder Tätigkeit ist stets irgendein Gut, z. B. die Fortpflanzung und die Erhaltung der Art; die Ernährung, die das Ziel der Selbsterhaltung hat; der Fluchtinstinkt oder das Anschleichen der Raubkatze, die ebenfalls der Selbsterhaltung dienen.
5. Während die Tätigkeit der unbelebten und belebten Entitäten nicht frei ist und sie stets in derselben Weise tätig sind und dabei ihre vorgegebenen Ziele zumeist erreichen, ist der Mensch frei und kann in einer Weise handeln, die seinem Ziel widerspricht.
Aus den zuvor erwähnten Beispielen wird deutlich, dass Tiere, aber ebenso auch Pflanzen und die unbelebte Natur gesetzmäßig tätig sind, d. h. dass diese Lebewesen nicht frei tätig sind, sondern z. B. bestimmten Trieben folgen. Die Tätigkeit der Atome und Moleküle folgt bestimmten Gesetzen, die von der Physik und Chemie beschrieben werden, und diese Gesetze folgen aus der Natur der Atome und Moleküle. Heliumatome z. B. verbinden sich nicht mit anderen Atomen, während Wasserstoffatome reaktionsfreudig sind. Auch verschiedene Tätigkeiten des Menschen, wie der Herzschlag und die Funktionen anderer innerer Organe, folgen diesen physikalisch-chemischen Gesetzen. Doch darüber hinaus kann der Mensch sich frei entscheiden. Wie bei allen anderen Entitäten ergeben sich auch aus der menschlichen Natur objektive Ziele, doch der Mensch kann diesen Zielen zuwiderhandeln. Die Ernährung dient der Selbsterhaltung und hat beim Menschen darüber hinaus auch kulturelle und soziale Zwecke. Wer jedoch mehr isst, als den Zwecken der Selbsterhaltung zuträglich ist, der wird nicht nur auf Dauer krank, sondern handelt den objektiven Zielen seiner Natur zuwider (woraus die Krankheit folgt). Der Besitz von Eigentum ist zweifellos ein Gut, das zur Erhaltung der menschlichen Natur erforderlich ist, aber auch zum Unterhalt der Familie, und das viele weitere Zwecke verfolgt. Wer sich diesen Besitz aber durch einen Banküberfall oder Einbruch erwirbt, handelt gegen die menschliche Natur. Diese Möglichkeit hat das Tier nicht; es handelt nicht gegen seine Natur, sondern verfolgt die vorgegebenen objektiven Zwecke seiner Natur, auch wenn es dabei nicht immer erfolgreich sein muss.
6. Die sich aus der menschlichen Natur ergebenden Ziele oder Zwecke sind der objektive Maßstab für die Pflichten und Rechte des Menschen.
Bei den fundamentalen Pflichten und Rechten des Menschen sind es entsprechend auch die grundlegenden Ziele der menschlichen Natur, aus der sich diese ergeben. Der Mensch ist ein rationales Wesen; dies ist die spezifische Differenz seiner Natur zum Tier. Daraus folgt, dass alle Tätigkeiten und Handlungen des Menschen so sein sollen, dass sie von der Rationalität bestimmt werden. Dies bedeutet, dass die körperlichen und emotionalen Triebe oder Bedürfnisse den rationalen Erfordernissen untergeordnet werden müssen. Im Unterschied zum Tier ist der Mensch auf ein letztes Ziel gerichtet, nämlich die ewige Glückseligkeit, eudaimonia, wie es bei Aristoteles heißt. Dass diese Glückseligkeit nicht in irgendeinem endlichen Gut bestehen kann, wussten bereits Platon und Aristoteles, die beide diese Glückseligkeit in der philosophischen Erkenntnis und besonders in der höchsten philosophischen Erkenntnis erblickten, nämlich der Erkenntnis Gottes. Dementsprechend sollen die menschlichen Handlungen so geordnet sein, dass sie diesem letzten Ziel zumindest nicht widersprechen. Dies bedeutet, dass jede andere Tätigkeit als Mittel dem letzten Ziel untergeordnet werden soll.
7. Eine den menschlichen Zielen zuwiderlaufende freie und bewusste Handlung ist moralisch schlecht oder böse; eine freie und bewusste Handlung, die im Einklang mit den natürlichen Zielen oder Zwecken des Menschen steht, ist moralisch gut.
Die moralischen Eigenschaften Gut und Böse ergeben sich entsprechend aus den Zielen der menschlichen Natur, denn gut ist das, was diesen Zielen entspricht. Da der Mensch sich nur verwirklichen kann, solange er lebt, wird ihm das wichtigste Gut genommen, wenn man ihn tötet. Und dies ist unabhängig davon, ob er krank ist oder sehr schwer leidet, denn auch das persönliche Leid ist nicht ein Hinderungsgrund zur Erreichung des letzten Zieles, sondern kann sogar ein besonderes Mittel dazu sein. Daraus folgt das fundamentale Recht auf Leben. Alle weiteren Rechte und Pflichten lassen sich auf dieser Grundlage ableiten.

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