Thomistische Philosophie

Gibt es ein letztes Ziel aller menschlichen Handlungen?

Scholastiker - Wed, 06/07/2017 - 12:42

Bei jeder unserer Handlungen verfolgen wir ein Ziel. Ohne ein solches Ziel würden wir nicht handeln. Der Begriff der Handlung ist hier in einem weiten Sinne gemeint, wozu auch das Nichtstun gehören kann. In unserem Tagesverlauf folgt eine Handlung der nächsten. Ist ein Ziel erreicht, verfolgen wir ein weiteres Ziel. Bestimmte Ziele sind anderen Zielen über- oder untergeordnet. Wir gehen einkaufen um einen Grillabend vorzubereiten. Das Einkaufen ist hier ein Mittel in Bezug auf das Ziel des Grillabends. Aber auch dieser kann wieder das Mittel für ein anderes Ziel sein. Die Frage des heutigen Beitrags lautet: Gibt es ein letztes Ziel des Menschen, dem alle anderen Ziele untergeordnet sind?







Zur Beantwortung der Frage müssen wir etwas differenzieren. Zunächst müssen wir klären, was ein solches letzte Ziel, sollte es ein solches überhaupt geben, denn ist, d.h. wie muss ein letztes Ziel beschaffen sein? Dann müssen wir unterscheiden zwischen der Frage nach dem letzten Ziel des Menschen, also einem letzten Ziel des Menschen im Allgemeinen und einem konkreten letzten Ziel, d.h. einem letzten Ziel für mich, bzw. für Sie, die Sie diesen Beitrag gerade lesen. Selbst wenn es ein allgemeines letztes menschliches Ziel gibt, muss nicht klar sein, ob es auch ein letztes konkretes Ziel für mich gibt.


1. Was ist ein letztes Ziel?


Jedes bestimmte Ziel, das ich mit einer bestimmten Handlung verfolge, kann selbst als Mittel für ein anderes höheres Ziel dienen, wie im zuvor genannten Beispiel des Grillabends. Der Grillabend kann z.B. dazu dienen, zu entspannen, Freundschaften zu pflegen, neue Bekanntschaften zu machen oder, bei Einladung des Chefs der Firma, bei der ich arbeite, die Karrierechancen zu verbessern. Und all diese Ziele, die man mit einem Grillabend verfolgen kann, können wieder anderen Zielen untergeordnet werden und damit zu Mitteln dieser höheren Ziele werden.


Wenn es ein letztes Ziel geben sollte, dann müsste dies notwendigerweise so beschaffen sein, dass es nicht mehr zum Mittel für ein anderes Ziel werden kann, sondern dass es um seiner selbst willen erstrebt wird. Es müsste daher ein Ziel sein, bei dem alles menschliche Streben, Sehnen und Wünschen an ein Ende kommt, so dass es kein weiteres Ziel geben kann, dass von diesem Ziel übertroffen werden kann. Ein Ziel somit, bei dem die menschliche Natur ihre vollkommene Erfüllung findet.


„So etwas gibt es nicht!“ werden die meisten Menschen sagen. Ob es so etwas gibt oder nicht, steht noch nicht fest und soll in diesem Beitrag untersucht werden. Jedenfalls ist jetzt etwas klarer, was ein solches letztes Ziel ist, sofern es ein solches gibt.




2. Ein letztes Ziel des Menschen und mein letztes Ziel


Sowohl für ein letztes Ziel im Allgemeinen als auch für ein letztes Ziel für mich, gelten die zuvor genannten Bedingungen: Es muss meine Natur, meine Sehnsüchte und Wünsche vollkommen erfüllen und zwar so, dass kein weiteres Ziel mehr möglich ist, dass über das erreichte hinaus erstrebenswert ist, weil es ein Ziel ist, dass um seiner selbst willen erstrebt wird.


Was ist das letzte Ziel im Allgemeinen? Die formale Antwort auf diese Frage ist im Prinzip ganz einfach. Das letzte Ziel des Menschen als Menschen ist: das Gute. Jedes Ziel, dass von Menschen erstrebt wird, ist ein Gut oder wird zumindest für ein Gut gehalten. Darum kann man sagen, dass das Gute selbst das allgemeine Ziel des Menschen ist. Es handelt sich bei diesem allgemein Guten nicht um dieses oder jenes Gut, sondern um das Gute selbst, das sozusagen, wodurch dieses oder jenes Gut gut ist. Dieses Gute ist das Endziel alles menschlichen Strebens, allen Handelns. Diese Aussage ist eigentlich wenig problematisch. Sie sagt nur, dass jeder Mensch das Gute erstrebt. Indem wir irgendetwas erstreben, erstreben wir etwas Gutes. Wäre es nichts Gutes, warum sollten wir es erstreben? Das wäre doch sinnlos. Etwas zu erstreben, dass nicht gut, sondern schlecht ist, ist nicht möglich. Daher sagt schon Aristoteles, dass wir darin nicht frei sind, dass Gute zu erstreben, denn wir können das Schlechte gar nicht anstreben. Frei sind wir darin dies oder jenes Gute zu erstreben.


Das also jeder Mensch im Allgemeinen nach dem Guten strebt, ist irgendwie selbstverständlich. Aber gibt es für jeden konkreten Menschen ein letztes Ziel, bei dem all sein Streben, seine gesamte menschliche Natur ihre Erfüllung findet? Das was von einem bestimmten Menschen als Endziel erstrebt wird – sofern es überhaupt etwas gibt, das als Endziel von konkreten Menschen erstrebt wird –, ist selbst etwas Konkretes.


Dieses Konkrete, dass von Ihnen und von mir erstrebt wird, wird entweder um eines anderen willen erstrebt, oder um seiner selbst willen. Wenn es um eines anderen willen erstrebt wird, dann wird dieses aber letztlich um etwas erstrebt, dass um seiner selbst willen erstrebt wird. Ein Gut, das um seiner selbst willen erstrebt wird, muss so sein, wie wir es zuvor schon gesagt haben: es muss zur vollkommenen Erfüllung aller meiner Wünsche, Ziele, Neigungen, ja, zur Erfüllung meiner gesamten menschlichen Natur ausreichend sein und zwar so, dass es darüber hinaus nichts gibt und geben kann, das noch erstrebenswert ist. Und dieses letzte und höchste Gut, das zugleich das Endziel all meines Strebens ist, muss zugleich konkret und „fassbar“ sein.


Nun kann man einwenden, und viele Menschen unserer Zeit werden dies gewiss einwenden, dass es ein solches letztes Ziel nicht gibt. Es gibt immer nur dieses oder jenes bestimmte Ziel, das wieder als Mittel zu einem anderen Ziel dienen kann. Aber ein letztes Ziel, in dem alles Streben und alle Handlung endgültige und letzte Erfüllung finden, gibt es nicht. Es gibt, wie man oft hört, nur dieses kleine Glück – das Glück im Urlaub, das Glück in der Familie und anderes, aber kein letztes Glück. Und so geben wir uns vielleicht viel zu früh „zufrieden“ und verzichten auf das, wozu wir eigentlich geschaffen sein könnten: das vollkommene Glück.


Es gibt ein Argument, dass genau diese Meinung widerlegt. Das Argument behauptet nämlich, dass es überhaupt keine einzige Handlung gäbe, wenn es nicht ein letztes Endziel gibt. Dies besagt letztlich, dass auch derjenige, der bestreitet, dass es ein letztes Ziel gibt, nach diesem letzten Ziel in all seinen Handlungen strebt. Es bedeutet auch, dass man das letzte Ziel gar nicht bewusst kennen muss um trotzdem danach zu streben. Das Argument sieht so aus und stellt eigentlich nur eine Zusammenfassung dessen dar, was schon gesagt wurde:


1. Jedes bestimmte vom Menschen erstrebte Gut wird entweder um eines anderen willen oder um seiner selbst willen erstrebt.
2. Wenn der Mensch ein Gut um seiner selbst willen erstrebt (d. h. so, dass alles Streben darin zur Ruhe kommt und nichts Weiteres erstrebt wird), dann handelt es sich bei diesem Gut um ein konkretes, bestimmtes Gut.
3. Dieses konkrete, bestimmte Gut ist dann ein Endziel.
4. Wenn der Mensch ein Gut um eines anderes willen erstrebt und dieses andere wieder um eines anderen willen, dann ist diese Reihe der erstrebten Güter entweder endlich oder unendlich.
5. Wenn diese Reihe der Güter endlich ist, dann gibt es ein letztes Ziel, um dessentwillen alle anderen Güter erstrebt wurden und bei dem jedes weitere Streben und damit jede weitere Tätigkeit ihr Endziel erreicht (siehe 3).
6. Wenn diese Reihe der Güter unendlich ist, dann gibt es kein letztes Ziel, um dessentwillen alle anderen Ziele angestrebt werden.
7. Jede Handlung ist auf ein Ziel gerichtet. Wenn es kein letztes Ziel gibt, dann gibt es auch kein Zwischenziel, das zur Erreichung des letzten Zieles ein Mittel ist.
8. Daraus folgt, dass es dann keine Handlung gäbe.
9. Es gibt Handlungen bei allen Menschen. Also gibt es ein letztes konkretes und bestimmtes Ziel für jeden einzelnen Menschen.


Es muss also ein Endziel geben, damit es überhaupt andere Ziele gibt, die wir erstreben. Doch warum reicht es nicht einfach, ein bestimmtes Ziel zu erreichen und dann ein nächstes Ziel in Angriff zu nehmen, vielleicht nur ein Ziel, dass als Mittel dient, aber doch mit weiteren anderen Mitteln zu einem Ziel führt, mit dem ich zufrieden sein kann, auch wenn es kein Endziel ist? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach, wie sich aus dem Argument ergibt: Weil Sie tatsächlich mit dem Erreichen dieses Ziels nicht zufrieden sind. Wären Sie es, so würden Sie in Ihrem Glück verweilen und nichts Weiteres mehr tun. Doch dies ist nicht der Fall. Sie streben weiter nach einem anderen Ziel, weil Sie noch keine vollkommene Erfüllung erreicht haben.


Aber was ist denn dann dieses Endziel allen Strebens, bei dem jedes Streben zum Ende kommt und eine vollkommene Erfüllung gegeben ist? Dieses Endziel ist die Glückseligkeit!


Dazu später mehr.

Erlaubt die Redefreiheit, in der Öffentlichkeit zu lügen?

Scholastiker - Thu, 05/11/2017 - 10:08


Die Gesellschaft fürAnalytische Philosophie (GAP) schreibt regelmäßig den sogenannten „GAP Essaypreis“ aus. So auch im Jahr 2017. Die Ausschreibung richtet sich primär an Studierende der Philosophie. In den meisten Fällen handelt es sich bei den ausgeschriebenen Themen um solche aus dem Bereich der Ethik, so auch die aktuelle Frage. Das für 2017 gewählte Thema ist durchaus aktuell, denn es betrifft u.a., zumindest indirekt, die Frage nach der Zensur von sogenannten Fake-News, also Nachrichten, insbesondere in den sozialen Netzwerken, die eindeutig falsch, also gelogen sind. Der Bundesjustizminister Heiko Maas plant derzeit ein Gesetz, mit dessen Hilfe die Betreiber von sozialen Netzwerken gezwungen werden sollen, solche Falschmeldungen zu löschen.



Natürlich gibt es keinen direkten Schluss von der Beantwortung der Frage, ob die Redefreiheit Lügen in der Öffentlichkeit gestattet zum Verbot von Fake-News, aber die Beantwortung der Preisfrage liefert zumindest eine wichtige Voraussetzung zur Antwort auf die Frage nach einem möglichen Gesetz, dass Betreiber sozialer Netzwerke auffordert, eindeutige Falschmeldungen zu löschen.


Da Scholastiker sein Universitätsstudium schon vor vielen Jahren abgeschlossen hat, gehört er nicht zu der Gruppe von Personen, die einen Essay zu der Preisfrage einreichen können. Ich möchte gleichwohl einige Anmerkungen zu diesem Thema machen und zwar, wie immer in diesem Blog, auf der Grundlage der aristotelisch-scholastischen Philosophie.


Ganz allgemein lässt sich die Frage folgendermaßen beantworten:


     1.     Lügen ist in jedem Fall moralisch verboten
     2.     Die Veröffentlichung von Lügen ist daher ebenso verboten, wie die private Lüge. Öffentliche Lügen können unter Umständen sogar moralisch verwerflicher sein, als private Lügen, da sie einen weiteren Personenkreis betreffen und dadurch weitreichendere Folgen haben als private Lügen.
     3.     Also sind Lügen in der Öffentlichkeit in jedem Fall moralisch verboten


Während die Pflicht, stets die Wahrheit zu sagen, zu den natürlichen Pflichten gehört, ist das Recht auf freie Rede kein natürliches Recht, sondern Teil des positiven Rechts. Da in der Ordnung der Rechte und Pflichten die natürlichen Rechte und Pflichten stets den Vorrang vor positiven Rechten haben, kann die Pflicht, stets die Wahrheit zu sagen, nicht durch ein Recht auf freie Rede eingeschränkt werden.


Soweit die allgemeine Argumentation, die bei einigem Nachdenken bei den meisten Menschen auf Zustimmung stoßen dürfte. Auch die kantische Ethik würde dieser Argumentation folgen, wenn auch ohne den Hinweis auf natürliche Rechte und Pflichten.


Man könnte nun allerdings die 1. Prämisse, dass Lügen in jedem Fall moralisch verboten ist, in Frage stellen und z.B. Ausnahmen konstruieren, bei denen diese Prämisse nicht gültig ist (z.B. Situationen im Krieg oder unter Zwang etc.). Daher bedarf die 1. Prämisse einer weiteren Begründung.


Unter „Lügen“ versteht man die bewusste Falschaussage. Jemand, der eine Lüge weitererzählt, allerdings nicht weiß, dass es sich um eine Lüge handelt, dem also die Lüge als solche nicht bewusst ist, lügt nicht. Mit der bewussten Falschaussage wird im Allgemeinen eine bestimmte Absicht verfolgt, z.B. wird gelogen, um sich einen Vorteil zu verschaffen, aus Angst vor Strafe oder um einer anderen Person zu schaden.


Doch warum ist die Lüge moralisch böse? Ich kann hier in einem kurzen Blogbeitrag natürlich nicht die ganze Theorie des Guten und die Negation des Guten, besser die Privation des Guten, wiederholen. Dazu finden Sie verschiedene Beiträge im Blog. Kurz gesagt besteht das Gute darin, dass es zur Erfüllung der Wesenheit einer Entität beiträgt. Zur Erfüllung der Wesenheit eines Menschen trägt die Wahrheit bei. Ohne Kenntnis der Wahrheit würden wir ständig in die Irre gehen, Fehler machen, uns in Gefahr begeben usw. Die Lüge ist die bewusste Fälschung der Wahrheit, die dadurch diese negativen Folgen zeitigt. Und diese negativen Folgen erfährt nicht nur der Belogene, sondern auch der Lügner selbst, obwohl dies oft nicht unmittelbar sichtbar und erfahrbar wird. Ausführliche Argumente zu dieser Frage finden Sie in dem in diesem Jahr erschienen GrundkursPhilosophie VI: Natürliche Ethik, von Rafael Hüntelmann.


Muss der Lügner bestraft werden? Grundsätzlich gilt, dass nicht alles, was moralisch böse ist, auch juristisch bestraft werden muss. Unhöflichkeit ist zweifellos moralisch verwerflich, allerdings wäre es nur unter einer harten Diktatur, wenn überhaupt, möglich, Unhöflichkeit juristisch zu verfolgen und zu bestrafen. Daher ist es auch nicht möglich, die Lüge grundsätzlich juristisch zu verbieten und zu bestrafen. Wer vor Gericht lügt oder in anderen bestimmten Situationen, der wird zu Recht bestraft, da es vor Gericht um die Wahrheitsfindung für ein juristisches Urteil geht. Es gibt allerdings auch andere Situationen, bei denen eine Lüge auch juristische Konsequenzen hat, z.B. wenn die Lüge eine bestimmte Person eindeutig beleidigt oder ihr einen Schaden zufügt.


Die Redefreiheit bezieht sich in erster Linie auf die freie Meinungsäußerung. Eine Meinung ist entweder wahr oder falsch, allerdings steht dies bei einer Meinung nicht eindeutig fest. Daher ist die Wahrheitsfrage in Bezug zu Meinungen offen, d.h. es steht nicht fest, welche von verschiedenen Meinungen über einen Gegenstand wahr ist. Insofern ist eine Meinung weder eine Lüge, noch eine wahre Aussage. Zur Meinungsbildung ist freilich die Erkenntnis der Wahrheit eine Voraussetzung, der Wahrheiten, die für die Meinungsbildung und die Urteilsbildung erforderlich sind. Wer hier lügt, handelt natürlich moralisch verwerflich, es dürfte aber bis auf wenige und eindeutige Ausnahmen sehr schwierig bis unmöglich sein, solche Lügen juristisch zu identifizieren und zu verfolgen. Ausnahmen sind die Fälle, die bereits jetzt vom Gesetz abgedeckt werden.

Sieben Thesen der natürlichen Ethik

Scholastiker - Sat, 04/15/2017 - 12:39
Scholastiker veröffentlicht hier die 7 Thesen zur natürlichen Ethik, die eine recht gute Kurzfassung der Grundlagen der natürlichen Ethik darstellen und die ich aus dem Grundkurs Philosophie VI. Natürliche Ethik entnommen habe, der im Januar erschienen ist.







1. Alles, was existiert, hat eine Wesenheit oder eine Natur.
Die Wesenheit oder Natur einer Entität ist das, was diese ist. Sie lässt sich prinzipiell in einer Definitionausdrücken, auch wenn dies in vielen Fällen nicht einfach oder überhaupt gar nicht möglich ist. Keine einzige Wesenheit ist für uns vollständig erkennbar, doch ist dies auch nicht erforderlich, um Wesenheiten grundsätzlich erkennen zu können. Es ist ein oft geäußerter Einwand gegen die Behauptung, dass es Wesenheiten gibt, dass diese nur unklar erkennbar sind. So gibt es z. B. bei vielen Wesenheiten die Schwierigkeit einer klaren Abgrenzung von anderen Wesenheiten. Als Beispiel kann man hier die Abgrenzung zwischen Baum und Strauch anführen. Dennoch weiß jeder, was ein Baum und was ein Strauch ist, auch wenn dies in bestimmten Fällen nicht genau bestimmt werden kann. Es gibt freilich viele weitere Einwände gegen die Annahme von Wesenheiten. Wer aus welchen Gründen auch immer Wesenheiten grundsätzlich abstreitet, kann die Argumentation der natürlichen Ethik nicht nachvollziehen.
2. Die Tätigkeit eines Existierenden folgt aus seiner Wesenheit oder Natur.
Wenn es Wesenheiten gibt, dann folgt aus ihnen die Tätigkeit derjenigen Dinge, die diese Wesenheiten haben. Mit anderen Worten ausgedrückt: Die Naturgesetze sind Gesetze der Naturen, der Wesenheiten. Dass eine Rose im Sommer blüht, wenn die entsprechenden Bedingungen gegeben sind, folgt aus der Natur der Rose.
3. Auch der Mensch hat eine Wesenheit, und aus dieser folgt seine Tätigkeit und sein Handeln.
Alle Tätigkeiten und Handlungen des Menschen sind menschliche Handlungen. Sie folgen aus seiner Natur als der eines rationalen (vernunftbegabten) Sinnenwesens. Dass Menschen lachen, ist eine menschliche Tätigkeit, ebenso wie dass Menschen Philosophie studieren.
4. Jede Tätigkeit einer Wesenheit ist auf ein Ziel oder einen Zweck gerichtet.
Tätigkeiten sind nie sinn- oder zwecklos, sondern sind stets intentional, d. h. auf ein Ziel gerichtet. Dies gilt nicht nur von menschlichen Handlungen – wenn auch hier in besonderem, d. h. bewusstem Sinne –, sondern ebenso von allen anderen Lebewesen. Die Balz der Vögel ist letztlich auf die Erhaltung der Art gerichtet, wenn dies den Vögeln auch überhaupt nicht bewusst ist oder bewusst sein muss. Das Ziel jeder Tätigkeit ist stets irgendein Gut, z. B. die Fortpflanzung und die Erhaltung der Art; die Ernährung, die das Ziel der Selbsterhaltung hat; der Fluchtinstinkt oder das Anschleichen der Raubkatze, die ebenfalls der Selbsterhaltung dienen.
5. Während die Tätigkeit der unbelebten und belebten Entitäten nicht frei ist und sie stets in derselben Weise tätig sind und dabei ihre vorgegebenen Ziele zumeist erreichen, ist der Mensch frei und kann in einer Weise handeln, die seinem Ziel widerspricht.
Aus den zuvor erwähnten Beispielen wird deutlich, dass Tiere, aber ebenso auch Pflanzen und die unbelebte Natur gesetzmäßig tätig sind, d. h. dass diese Lebewesen nicht frei tätig sind, sondern z. B. bestimmten Trieben folgen. Die Tätigkeit der Atome und Moleküle folgt bestimmten Gesetzen, die von der Physik und Chemie beschrieben werden, und diese Gesetze folgen aus der Natur der Atome und Moleküle. Heliumatome z. B. verbinden sich nicht mit anderen Atomen, während Wasserstoffatome reaktionsfreudig sind. Auch verschiedene Tätigkeiten des Menschen, wie der Herzschlag und die Funktionen anderer innerer Organe, folgen diesen physikalisch-chemischen Gesetzen. Doch darüber hinaus kann der Mensch sich frei entscheiden. Wie bei allen anderen Entitäten ergeben sich auch aus der menschlichen Natur objektive Ziele, doch der Mensch kann diesen Zielen zuwiderhandeln. Die Ernährung dient der Selbsterhaltung und hat beim Menschen darüber hinaus auch kulturelle und soziale Zwecke. Wer jedoch mehr isst, als den Zwecken der Selbsterhaltung zuträglich ist, der wird nicht nur auf Dauer krank, sondern handelt den objektiven Zielen seiner Natur zuwider (woraus die Krankheit folgt). Der Besitz von Eigentum ist zweifellos ein Gut, das zur Erhaltung der menschlichen Natur erforderlich ist, aber auch zum Unterhalt der Familie, und das viele weitere Zwecke verfolgt. Wer sich diesen Besitz aber durch einen Banküberfall oder Einbruch erwirbt, handelt gegen die menschliche Natur. Diese Möglichkeit hat das Tier nicht; es handelt nicht gegen seine Natur, sondern verfolgt die vorgegebenen objektiven Zwecke seiner Natur, auch wenn es dabei nicht immer erfolgreich sein muss.
6. Die sich aus der menschlichen Natur ergebenden Ziele oder Zwecke sind der objektive Maßstab für die Pflichten und Rechte des Menschen.
Bei den fundamentalen Pflichten und Rechten des Menschen sind es entsprechend auch die grundlegenden Ziele der menschlichen Natur, aus der sich diese ergeben. Der Mensch ist ein rationales Wesen; dies ist die spezifische Differenz seiner Natur zum Tier. Daraus folgt, dass alle Tätigkeiten und Handlungen des Menschen so sein sollen, dass sie von der Rationalität bestimmt werden. Dies bedeutet, dass die körperlichen und emotionalen Triebe oder Bedürfnisse den rationalen Erfordernissen untergeordnet werden müssen. Im Unterschied zum Tier ist der Mensch auf ein letztes Ziel gerichtet, nämlich die ewige Glückseligkeit, eudaimonia, wie es bei Aristoteles heißt. Dass diese Glückseligkeit nicht in irgendeinem endlichen Gut bestehen kann, wussten bereits Platon und Aristoteles, die beide diese Glückseligkeit in der philosophischen Erkenntnis und besonders in der höchsten philosophischen Erkenntnis erblickten, nämlich der Erkenntnis Gottes. Dementsprechend sollen die menschlichen Handlungen so geordnet sein, dass sie diesem letzten Ziel zumindest nicht widersprechen. Dies bedeutet, dass jede andere Tätigkeit als Mittel dem letzten Ziel untergeordnet werden soll.
7. Eine den menschlichen Zielen zuwiderlaufende freie und bewusste Handlung ist moralisch schlecht oder böse; eine freie und bewusste Handlung, die im Einklang mit den natürlichen Zielen oder Zwecken des Menschen steht, ist moralisch gut.
Die moralischen Eigenschaften Gut und Böse ergeben sich entsprechend aus den Zielen der menschlichen Natur, denn gut ist das, was diesen Zielen entspricht. Da der Mensch sich nur verwirklichen kann, solange er lebt, wird ihm das wichtigste Gut genommen, wenn man ihn tötet. Und dies ist unabhängig davon, ob er krank ist oder sehr schwer leidet, denn auch das persönliche Leid ist nicht ein Hinderungsgrund zur Erreichung des letzten Zieles, sondern kann sogar ein besonderes Mittel dazu sein. Daraus folgt das fundamentale Recht auf Leben. Alle weiteren Rechte und Pflichten lassen sich auf dieser Grundlage ableiten.

Ist es moralisch geboten, Notleidenden aus fernen Ländern zu helfen?

Scholastiker - Tue, 03/14/2017 - 13:28


Im Hintergrund der Debatte um die Migration nach Europa steht die Frage, ob es moralisch geboten ist, Menschen die sich in einer schweren Notlage befinden (Hunger, Armut, Krieg, Verfolgung etc.) zu helfen. Diese Frage beinhaltet einige Vorfragen, die zunächst beantwortet werden müssen, um diese Frage zu beantworten. Diese Vorfragen lauten:(a)   Wann ist eine Handlung geboten?      (b)   Was meint „ferne Länder“?(c)   Wer ist derjenige, der helfen soll? Die Antworten auf diese Fragen werden auf der Grundlage des klassischen, aristotelisch-thomistischen Naturrechts zu geben versucht.


(a)   Wann ist eine Handlung geboten?
Für die Antwort auf diese Frage gibt es ein naturrechtliches Prinzip: Unterlassungen können von Jedem gefordert werden, Handlungen setzen immer ein Können voraus. Dies bedeutet für die Frage, ob wir Notleidenden helfen müssen, dass wir dies dann müssen, wenn wir dazu in der Lage sind. Wie diese Hilfe aussieht, was konkret zu tun ist, ist damit natürlich noch nicht beantwortet. Auf jeden Fall aber kann man sagen, dass es geboten ist, alles zu unterlassen, was die Situation der Notleidenden verschlechtert. Dies bedeutet z.B., dass hier in Deutschland lebenden Flüchtlingen bzw. Migranten in keiner Weise Schaden zugefügt werden darf, z.B. durch Beleidigungen, Verachtung, Diskriminierung etc. Man ist verpflichtet, diesen Menschen ebenso mit Höflichkeit und Achtung zu begegnen, wie wir sie jedem anderen Menschen, den wir nicht näher kennen, entgegenbringen.
Wenn wir dazu in der Lage sind (zeitlich, wirtschaftlich oder wie auch immer) und wir mittelbar oder unmittelbar mit der Not von Menschen konfrontiert sind, dann sind wir verpflichtet, diesen Notleidenden zu helfen. Unmittelbar bedeutet z.B., dass uns ein Notleidender direkt anspricht und um Hilfe bittet. Mittelbar bedeutet z.B., dass unsere Gemeinde die Bürger aufruft zu Kleider- und anderen Spenden für hier eingetroffene notleidende Menschen. Dies gilt unabhängig davon, ob es sich um Menschen aus fernen Ländern oder um Einheimische handelt, sofern sie in unserer Gemeinde oder Stadt wohnen und wir mit deren Situation konfrontiert werden.

(b)   Was meint „ferne Länder“?
Mit dem Begriff „ferne Länder“ meine ich hier Länder, die nicht an unserem Heimatland (in unserem Falle Deutschland oder Österreich oder Schweiz) angrenzen und die auch nicht zu unserem Kulturkreis gehören, in unserem Fall also nicht zu Europa gehören. Dies sind also in erster Linie alle die Länder, die auf einem anderen Kontinent liegen.
Das Naturrecht hat nun ein recht einfaches und unmittelbar einsichtiges Prinzip für die Verpflichtung zur Hilfe. Dieses Prinzip, das sich schon bei Aristoteles findet, beruht auf der Nähe. Je näher mir eine Person steht, umso größer ist die Verpflichtung zur Hilfeleistung. Daraus folgt, dass ich unmittelbar verpflichtet bin, den Angehörigen meiner Familie zu helfen, also meinem Ehepartner, meinen Kindern, meinen Eltern und Großeltern und dann weiter den Freunden, Kollegen, Nachbarn und den Einwohnern meiner Gemeinde. Je weiter ein Notleidender entfernt ist, desto weniger besteht eine Verpflichtung zur Hilfeleistung, auch wenn ich dazu in der Lage bin. An diesem Prinzip ändert selbstverständlich auch die Globalisierung nichts, denn es handelt sich nicht um ein Prinzip räumlicher Nähe, sondern personaler Nähe. Wenn meine Verwandten in den USA Not leiden, macht dies keinen Unterschied zu Verwandten, die im Nachbarhaus wohnen. Der christliche Begriff der „Nächstenliebe“ meint übrigens genau dies: Nächstenliebe ist nicht Fernstenliebe. Menschen in der Ferne, d.h. solche Menschen, denen ich im oben genannten Sinne persönlich in keiner Weise verbunden bin, kann ich nur wirklich lieben, wenn ich die nächsten Menschen in meiner Umgebung liebe.

(c)   Wer ist derjenige, der helfen soll?
Natürlich bin zunächst einmal ich selbst es, der zur Hilfe unter den genannten Voraussetzungen verpflichtet ist. Ich kann nicht eine andere Person verpflichten, jemandem zu helfen, es sei denn unter bestimmten Bedingungen, z.B. wenn ich dessen Erziehungsberechtigter bin oder sofern ich die Autorität dazu besitze, wie Amtspersonen unter ganz bestimmten Bedingungen, die ich hier nicht diskutieren möchte. Alles bisher gesagte bezieht sich auf die Individualethik. Aus dieser folgt, dass es so gut wie keinerlei Verpflichtung gibt, Menschen aus fernen Ländern zu helfen, sofern sie in diesen Ländern leben. Das schließt natürlich nicht aus, dass ich diesen Menschen dennoch helfen kann, wenn ich mich dazu in der Lage sehe und meiner Pflichten hier dadurch nicht beeinträchtigt werden, und dass eine solche Hilfe für Notleidende in fernen Ländern auch durchaus lobenswert ist. Viele Beispiele aus der Geschichte des Christentums zeugen von einem heroischen Opfergeist für das Wohl von Menschen in fernen Ländern.
Bei der Frage, wer helfen soll, im Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise geht es nicht primär um eine individualethische Frage, sondern um die Sozialethik. In der öffentlichen Diskussion wird dieser Unterschied so gut wie überhaupt nicht beachtet, obwohl davon so gut wie alles abhängt. Für die Individualethik lässt sich die Frage klar und eindeutig beantworten, wie ich gerade deutlich gemacht habe. Wenn wir jedoch sagen, dass derjenige der helfen soll, der Staat ist – und genau dies trifft zu bei der sogenannten Flüchtlingskrise – dann ergibt sich ein anderes Bild. Der Staat oder jede andere Gemeinschaft bzw. Gesellschaft ist keine Person oder ein Individuum und daher ist die hier zur Anwendung kommende Ethik auch nicht die Individualethik. Welche Prinzipien gelten für die Sozialethik bezüglich der Frage, ob man, d.h. der Staat, verpflichtet ist, Menschen aus fernen Ländern zu helfen?
(d)  Ist der deutsche Staat verpflichtet, Menschen aus fernen Ländern zu helfen?
Nach naturrechtlicher Auffassung bestehen alle Gemeinschaften und Gesellschaften, d.h. alle sozialen Institutionen um eines Zweckes bzw. Zieles willen. Diese Ziele oder Zwecke können von Gesellschaften frei gewählt werden, z.B. durch die Satzung eines Fußballvereins oder einer Aktiengesellschaft, oder sie sind von der Natur vorgegeben, wie bei der Familie und beim Staat. Die natürlichen Gemeinschaften wie Familie und Staat haben im Unterschied zu den nicht-natürlichen, freien Gesellschaften wie Fußballverein und Aktiengesellschaft ein objektives Ziel. Das Ziel bzw. der Zweck des Staates ist das Gemeinwohl. Das Gemeinwohl ist nicht identisch mit dem Individualwohl, obwohl der Liberalismus dies oft zumindest implizite annimmt, was freilich schon durch einfaches Nachdenken sich als falsch erweist. Es ist allerdings durchaus zutreffend, wenn man sagt, dass das Gemeinwohl in letzter Konsequenz dem Wohl aller Einzelnen dient.
Was nun genau das Gemeinwohl ist, kann man nicht so einfach sagen. Es gibt verschiedene Definitionen des Begriffs „Gemeinwohl“, die vorwiegend formaler Natur sind und die ich mir hier erspare. Ganz allgemein lässt sich das Gemeinwohl in einer engen Verbindung mit der Gerechtigkeit bestimmten, wobei der Begriff der Gerechtigkeit nicht identisch ist mit dem Begriff der sozialen Gerechtigkeit, die nur ein sehr kleiner Teil dessen ausmacht, was Gerechtigkeit bedeutet. Der Begriff der Gerechtigkeit wiederum lässt sich durch den Begriff der Subsidiarität erklären, wonach keiner Person, keiner Institution oder keiner sozialen Gemeinschaft eine Aufgabe abgenommen werden darf, die diese aus eigener Kraft selbst erledigen kann. Die nächsthöhere gesellschaftliche oder gemeinschaftliche Institution darf nur dann einer untergeordneten Institution (oder Person) helfen, wenn diese selbst dazu nicht in der Lage ist und dann auch nur in dem Sinne, dass sie diese wieder in die Lage versetzt, wieder selbständig ihre Aufgabe zu erfüllen. Auf diesem Prinzip beruht z.B. die Sozialhilfe des Staates – besser gesagt, sie sollte darauf beruhen.
Wenn nun das Gemeinwohl auch nicht inhaltlich präzise und für jeden einzelnen Fall anwendbar definiert werden kann, so lässt sich in vielen Fällen unmittelbar sagen, dass diese oder jene Tätigkeit des Staates nicht dem Gemeinwohl dient. Steuerverwendung ist z.B. deshalb zu verurteilen, weil sie dem Gemeinwohl schadet. Würde der Bundesstaat in Angelegenheiten der Länder eingreifen, obwohl die Länder diese Aufgaben zur Zufriedenheit der Bürger gut erledigen, so wäre auch dies ein Schaden für das Gemeinwohl.
Die Fragestellung in Bezug auf unser Thema kann nach diesen Vorbemerkungen nun genauer gestellt werden. Wenn das Gemeinwohl das Ziel bzw. der Zweck des Staates ist, dann müssen alle Handlungen des Staates diesem Ziel untergeordnet werden. Dies gilt natürlich auch für die Frage der Hilfe für Notleidende in fernen Ländern. Daher lässt sich die Frage dieses Beitrags in sozialethischer Hinsicht so formulieren:

(e)   Dient die Hilfe des Staates für Notleidende in fernen Ländern dem Gemeinwohl?
Diese Frage besteht aus zwei Teilen. (1) Dient es dem Gemeinwohl, wenn der deutsche Staat notleidenden Menschen in fernen Ländern in diesen Ländern hilft? (2) Dient es dem Gemeinwohl, wenn der deutsche Staat notleidende Menschen aus fernen Ländern ausnahmslos in Deutschland aufnimmt um ihnen hier zu helfen?
Was ist Antwort auf die erste Frage angeht, wird es heute kaum noch Menschen geben, die dies verneinen. Durch die zahlreichen Beziehungen zwischen den verschiedenen Völkern, Nationen und Staaten bis hin zu den fernsten Ländern der Erde, gibt es kaum noch ein Land, das nicht mit einem anderen Land verbunden ist. Dies war vor hundert Jahren noch nicht oder weit weniger der Fall. Durch diese enge Verflechtung der Völker und Staaten ist eine Nähebeziehung selbst zu fernen Ländern entstanden, die es früher nicht gab und aus der moralische Verpflichtungen folgen, die es so in der Individualethik nicht gibt. Durch die modernen Massenmedien erfahren wir von Katastrophen in fernsten Ländern, was allerdings individualethisch noch keine Nähebeziehung konstituiert, wohl aber sozialethisch. Durch die oft engen wirtschaftlichen, kulturellen und anderen Beziehungen zwischen unserem Land und den fernen Ländern kann eine Hilfe Deutschlands in diesen Ländern dazu führen, dass dies dem deutschen Gemeinwohl zugutekommt. Dafür ließen sich vermutlich sogar empirische Argumente finden, obwohl ich diese Fragen nicht empirisch beantworten will, denn es sind in erster Linie keine empirischen Fragen. Daher ist es heute üblich und auch richtig, bei Katastrophen in fernen Ländern, dass sofort eine international organisierte Hilfeleistung anläuft, an der sich alle Länder beteiligen, die dazu in der Lage sind. Selbstverständlich gilt nämlich auch für die Sozialethik, das eine Pflicht zur Hilfeleistung ein Können voraussetzt.
Man kann also den ersten Teil der Frage durchaus so beantworten, dass man feststellt, dass die Hilfe für notleidende Menschen in fernen Ländern dem eigenen Gemeinwohl dient. Daher wäre es sehr zu begrüßen, wenn durch den Krieg in Afghanistan, Syrien und dem Irak den betroffenen und flüchtenden Menschen vor Ort in Aufnahmelagern umfassende Hilfe zuteilwürde, die nicht nur in der Versorgung mit den Grundbedürfnissen bestehen sollte, sondern darüber hinaus in Schulbildung und anderen Erfordernissen bis zum Ende des Krieges in diesen Ländern. Wenn z.B. in Syrien Kinder in den Flüchtlingslagern über mehrere Jahre hinweg keine Schulbildung bekommen, kann dies dazu führen, dass diese Menschen später kaum in der Lage sind, am wirtschaftlichen Leben ihres Landes teilzunehmen, was wiederrum negative Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft haben kann.
Der zweite Teil der Frage, ob es dem deutschen Gemeinwohl dient, Menschen aus den Krisengebieten ausnahmslos aufzunehmen, um ihnen hier im Land zu helfen, wird wohl mit rationalen Argumenten kaum positiv zu beantworten sein. Allein die Kosten für Grundversorgung dieser Migranten und Flüchtlinge sind derartig hoch, dass dafür in Flüchtlingslagern in den betroffenen Regionen ein Vielfaches geleistet werden könnte. Diese Kosten könnte man rechtfertigen, wenn sie vorübergehend im Sinne einer staatlichen Investition entstehen und in absehbarer Zeit wieder zurückfließen. Doch dies ist bei einer unvoreingenommenen objektiven Betrachtungsweise nicht der Fall. Aber auch unabhängig von der wirtschaftlichen Seite, die leider heute immer in den Vordergrund gestellt wird, wenn es um die Frage des Gemeinwohls geht, ergibt sich der hauptsächliche Schaden für das deutsche oder europäische Gemeinwohl daraus, dass die Menschen die hierher kommen in der überwiegenden Zahl der Fälle aus einem völlig anderen Kulturkreis kommen und daher ihre Sitten und Gebräuche in sehr vielen Fällen nicht aufgeben wollen, um sie unseren abendländischen Sitten und Gebräuchen anzupassen. Dies führt zu einer weiteren Vertiefung der Spaltung der Gesellschaft und des Volkes, was ein viel größerer Schaden für das Gemeinwohl darstellt als die wirtschaftlichen Aspekte. Ohne gemeinsame Grundüberzeugungen, eine gemeinsame Kultur und Sprache ist keine Gemeinschaft überlebensfähig. Das Fehlen dieser Gemeinsamkeiten hat bereits seit den 1960er Jahren in vielen europäischen Nationen zu Spaltungen und Entfremdungen geführt, die für zahlreiche Probleme der modernen Gesellschaften verantwortlich sind. Durch die insbesondere muslimische Migration der vergangenen Jahrzehnte hat sich diese Situation weiter verschärft, was heute und besonders nach der sogenannten „Flüchtlingskrise“ in vielen Ländern Europas zu einem, drastisch ausgedrückt, „geistigen Bürgerkrieg“ geführt hat, wodurch radikale Kräfte in der Politik stärker zunehmen und die Spaltung weiter vertiefen. Diese Spaltungen stellen einen schweren Schaden für das Gemeinwohl dar und können auf längere Zeit betrachtet verheerende Folgen für die europäischen Völker haben.

(f)    Freizügigkeit
In diesem Zusammenhang abschließend noch einige Worte zum Naturrecht auf Freizügigkeit. Jeder Mensch hat das Recht, sich dort niederzulassen, wo er seine eigenen Kräfte, Vermögen und Fähigkeiten am besten realisieren kann, wozu es gehört, dass er die jeweils vorherrschende Kultur als für ihn selbst am besten passend annimmt (was nicht heißen muss, dass er seine eigenen kulturellen, sozialen und anderen Gewohnheiten aufgeben muss).
Dem Recht auf Freizügigkeit steht das Recht des Staates entgegen, sich die Menschen auszusuchen, die in sein Land einwandern wollen. Allerdings gilt dies nur begrenzt und nur in extremen Fällen hat der Staat das Recht, Menschen davon abzuhalten, in das eigene Land einzuwandern, z.B. wenn klar absehbar ist, dass eine Gruppe die einwandern will, dem Gemeinwohl schadet. Daher gibt es nicht viele Fälle in denen der Staat das Recht hat, Menschen davon abzuhalten in sein Land einzuwandern.
Zur Freizügigkeit gehört aber ein anderer Aspekt, der heute selten beachtet wird. Jeder der in ein anderes Land einwandern will, darf sich dabei nicht auf die Hilfe der einheimischen Bevölkerung oder des Staates verlassen. Er muss einwandern im festen Bestreben, seinen Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften und er wandert in ein anderes Land in den überwiegenden Fällen von Migration genau deshalb ein, weil er die Erwartung hat, dass er im neuen Gastland dies besser realisieren kann, als in seiner Heimat. Gerade dieser Aspekt wird durch die staatliche Sozialfürsorge und die Gesetze vieler europäischer Staaten, die diese auch Migranten zusprechen, verzerrt. Von den vielen hunderttausend Menschen die in den vergangenen beiden Jahren nach Deutschland und Europa geflohen oder eingewandert sind, wäre bestenfalls ein kleiner Bruchteil hierhergekommen, wenn es hier keine Sozialhilfe gäbe, die nicht selten einem Betrag entspricht, mit dem sich in den Herkunftsländern oft mehrere Monate sehr gut leben lässt. Flüchtlinge fliehen aus ihrem Land um der Gefahr für Leib und Leben, die in ihrer Heimat durch Krieg, Hunger und andere Ursachen besteht, zu entfliehen. Diese Gefahr besteht aber oftmals schon nicht mehr in einer anderen Region desselben Landes oder in einem Nachbarland, so dass eine weitere Reise zu einem anderen Kontinent nicht erforderlich ist, wenn es um die Erhaltung von Leib und Leben geht.
Deshalb muss man nicht eine staatliche Beschränkung der Freizügigkeit fordern, sondern nur, dass Personen, die in unser Land einwandern, kein Recht auf Sozialhilfe bekommen, wie dies innerhalb der EU (zumindest prinzipiell) für Einwanderer aus anderen EU-Staaten gilt.
Dies sind die grundlegenden Schlussfolgerungen, die sich aus dem Naturrecht für das Problem der Migration und Flucht ergeben. Es wäre erfreulich, wenn die emotionalisierte Debatte in Deutschland, in der Argumente kaum noch eine Rolle spielen, durch eine rationale und ideologiefreie Diskussion sich wieder an objektive moralische Tatsachen orientieren würde. Ich habe in diesem Beitrag andere Argumente und Gegenargumente nicht berücksichtigt, weil es mir um die Darstellung der naturrechtlichen Position ging.

Ist das Gehirn ein Computer?

Scholastiker - Fri, 03/10/2017 - 09:52


Die Computertheorie des Gehirns ist in der Gegenwartsphilosophie weit verbreitet (z.B. P. Churchland; T.J. Sejnowski: The Computational Brain. Cambridge: MIT Press 1992). Auch außerhalb der Philosophie wird diese Auffassung vom Menschen nicht selten vertreten. Dagegen hat der amerikanische Philosoph John Searle, der kein Scholastiker ist, sondern ein Materialist, ein starkes und m.E. bisher unwiderlegtes Argument vorgetragen (The Rediscovery of the Mind, Cambridge, MA: MIT Press 1992). Ich meine hier nicht das bekannte „Chinese Room Argument“, mit dem Searle deutlich gemacht hat, dass die Syntax nicht hinreichend ist für die Semantik der Sprache und das sich gegen die Theorie einer Identität von mentalen und materiellen Eigenschaften richtet.


Das Argument gegen die Computertheorie des Gehirns richtet sich gegen das, was er „Kognitivismus“ nennt, nämlich eben die Auffassung, dass das Gehirn eine Art digitaler Computer ist. Während im Chinese Room Argument die Frage offenlässt, ob das Gehirn Informationen in einem syntaktischen Sinne verarbeitet, wird in seinem Argument gegen den sogenannten Kognitivismus genau dies bestritten.
Der Grundgedanke des Arguments lässt sich folgendermaßen deutlich machen:  mathematische Berechnungen (im engl. Als „Computation“ bezeichnet) beinhaltet in jedem Fall die physische Instanziierung von Symbolenoder Zeichenfolgen, wie z.B. beim Computer 0 und 1. Wenn man diese Symbole nicht interpretiert, d.h. wenn man ihnen keine bestimmte Bedeutung zuspricht, dann sind sie nicht Träger von semantischenInformationen. Sie haben zwar noch eine syntaktische Information, aber nur insofern, als wir sie als Symboleverstehen, wenn auch als uninterpretierte Symbole. Ohne unser Verständnis der Nullen und Einsen sind diese Zahlenketten völlig sinnlos. Die syntaktischen Regeln, die den Algorithmus ausmachen und durch den die Symbole des Inputs einen bestimmten Output erzeugen sind Regeln, die die physischen Zustände des Systems beherrschen und zwar als Symbole.
Searle argumentiert jetzt, dass der Status ein Symbol zu sein kein objektives oder intrinsischen Merkmal der physischen Welt ist. Das etwas ein Symbol ist beruht allein auf Konvention. Dass ein dreieckiges Schild mit rotem Rand „Vorfahrt beachten“ bedeutet, ist etwas, was von Menschen festgelegt wurde und nicht etwas, dass ein Dreieck schon an sich bedeutet. Das Gleiche gilt aber auch für Zahlen und Zahlenkolonnen. Dass „1“ „Einschalten“ bedeutet und „0“ „Abschalten“ haben Menschen festgelegt. Ohne diese Festlegung bedeutet „1“ oder „0“ überhaupt nichts. Die Bedeutung der Symbole ist abhängig vom Beobachter und nicht objektiv. Deshalb ist der Status von etwas, das „einem Algorithmus folgt“ oder „Informationen verarbeitet“ oder „berechnet“ ebenso bloß konventionell und nicht ein objektives, intrinsisches Merkmal irgendeines physischen Systems, also auch nicht des Gehirns. Computer rechnen und erarbeiten Informationen nach einem bestimmten Algorithmus nur deshalb, weil die Programmierer und Benutzer des Computers die elektronischen Zustände als Symbole verstehen. Egal was wir auch immer als einen Computer verstehen – das Gehirn, die Gene oder das Universum als Ganzes – sind nur dadurch „Computer“, weil wir sie in diesem Sinne verstehen, nicht aber weil sie dies an sich und objektiv wären. Man kann auch einen Baum oder jeden anderen natürlichen Gegenstand als eine Maschine verstehen, interpretieren, doch deshalb ist ein Baum nicht in sich, objektiv, eine Maschine. Es gibt einen objektiven Unterschied zwischen Artefakten, vom Menschen hergestellten Dingen, und natürlichen Dingen. Wir können in der Natur Dinge entdecken, die dieselbe Form haben wie z.B. ein Stuhl und wir können diese Dinge dann als Stuhl verwenden. Doch dies bedeutet, dass wir diese Dinge so interpretieren und verwenden. Die Dinge selbst sind aber deshalb als solche keine Stühle. Es wachsen in der Natur keine Stühle.
Das Gleiche gilt für das Gehirn. Man kann es als einen Computer interpretieren und die verschiedenen elektrischen und chemischen Vorgänge im Gehirn nach dem Modell eines Computers verstehen, doch dann sind wir es, die dies tun. Wir interpretieren bestimmte elektrische Impulse oder Stoffwechselvorgänge als Symbole im Sinne einer Informationsverarbeitung. Doch dies ist nicht das, was das Gehirn objektiv ist.
Searle sagt ganz richtig, dass Zustände mathematischer Berechnungen nicht in der Natur entdeckt werden, sondern der Natur zugesprochen werden.

Wie der Papst Thomas von Aquin verfälscht

Scholastiker - Wed, 03/01/2017 - 14:31


In seiner apostolische Exhortation Amoris Laetitia von Papst Franziskus, die unter Katholiken mehr als umstritten ist (um es einmal vorsichtig auszudrücken), verfälscht Papst Franziskus Aussagen Thomas von Aquins. Dies kann man auch als Philosoph nicht unwidersprochen hinnehmen. Zu theologischen Fragen äußere ich mich in diesem Blog im Allgemeinen nicht, es sei denn, sie betreffen direkt auch philosophische Fragen. Hinsichtlich von Amoris Laetitia könnte man von philosophischer Seite ganz allgemein sagen, dass es vom Naturrecht keine Ausnahmen gibt. Ein naturrechtliches Gebot wie die Unauflösbarkeit der Ehe (das sich bereits bei Aristoteles findet) gilt ausnahmslos und ist nicht dispensierbar. In der apostolische Exhortation des Papstes geht es allerdings um die theologische Frage, ob man Personen, die im dauernden Ehebruch lebe, die Sakramente erteilen darf oder nicht. Man kann hierzu in philosophischer Hinsicht vielleicht sagen, dass die Zulassung von Personen zu den Sakramenten, die in einer zweiten Ehe leben, obgleich die erste Ehe naturrechtlich noch weiterbesteht (sog. Geschiedene und Wiederverheiratete), voraussetzt, dass die Unauflöslichkeit der Ehe nicht ausnahmslos gilt. Doch darum geht es in meinem Beitrag nicht, sondern um die Verfälschung des hl. Thomas im Text des Papstes.


Dass es vom Naturrecht keine Ausnahme geben kann folgt aus der Tatsache, dass das Naturrecht aus der Natur des Menschen folgt. So wie die physikalischen Gesetze aus der Natur physischer Gegenstände folgen und unveränderlich sind, so folgen die moralischen Gesetze aus der Natur des Menschen und sind auch nicht änderbar und können nicht außer Kraft gesetzt werden.



Der Papst zitiert Thomas von Aquin aus der Summa theologicia in einer Weise, die den Gehalt des Textes geradezu ins Gegenteil verkehrt. Hier das Zitat des Papstes aus ST, I-II, q. 94, art. 4:


Obgleich es im Bereich des Allgemeinen eine gewisse Notwendigkeit gibt, unterläuft desto eher ein Fehler, je mehr man in den Bereich des Spezifischen absteigt. [Mithin liegt im Bereich der Schau dieselbe Wahrheit für alle vor, sowohl in den Grundsätzen wie in den Folgesätzen; freilich erkennen nicht alle die Wahrheit in den Folgesätzen, wohl aber in den Grundsätzen, die ‚allgemeine Erfassungen‘ (Boethius) genannt werden.] Im Bereich des Handelns liegt nicht für alle dieselbe praktische Wahrheit oder Richtigkeit im Spezifischen vor, sondern nur hinsichtlich des Allgemeinen; und bei denen, für die hinsichtlich des Spezifischen dieselbe Richtigkeit vorliegt, ist sie nicht allen in gleicher Weise bekannt […] Es kommt also umso häufiger zu Fehlern, je mehr man in die spezifischen Einzelheiten absteigt.“


Der in der eckigen Klammer gesetzten Satz wird von Papst weggelassen, was aber noch kein schwerwiegendes Problem darstellt, obwohl es den Zusammenhang verdeutlicht. Thomas will hier sagen, dass die Ableitung moralisch richtiger Handlungen aus allgemeinen moralischen Prinzipien nicht immer einfach ist und umso schwieriger wird, je spezifischer die konkrete Handlung ist, auf die das Prinzip angewendet wird. Als Beispiel könnte man die Frage anführen, ob ein Ehemann, wenn er den „Playboy“ liest, Ehebruch begeht. Für einen verheirateten Mann, der das moralische Gesetz der Unauflöslichkeit der Ehe kennt, ist es offensichtlich, dass er Ehebruch begeht, wenn er mit einer Karnevalsbekanntschaft ins Bett geht. Ob er aber auch Ehebruch begeht, wenn er den Playboy liest, ist nicht offensichtlich (und bei diesem Beispiel handelt es sich auch nicht um Ehebruch).


Was macht jetzt Papst Franziskus aus diesem Zitat? Franziskus zieht das Zitat heran für seine eigenen Aussage:


Es ist wahr, dass die allgemeinen Normen ein Gut darstellen, dass man niemals außer Acht lassen oder vernachlässigen darf; doch in ihren Formulierungen können sie unmöglich alle Sondersituationen umfassen.


Damit ist etwas ganz anderes gesagt, als das, was Thomas sagen wollte. Der Papst behauptet hier, zumindest implizit, dass die moralischen Gesetze vor allem in Ideal darstellen, an dem man sich orientieren sollte, dass dieses Ideal aber in „Sondersituationen“ nicht immer anwendbar ist. Das ist fast das Gegenteil dessen, was Thomas sagen wollte. Bei Thomas geht es nicht um „Formulierungen“ von „Vorschriften“. Die Grundsätze des Naturrechts sind nach Thomas aus der Natur des Menschen leicht erkennbar. Thomas geht es in dem obigen Zitat um das Problem, die richtigen Schlüsse aus der Anwendung allgemeiner und unveränderlicher Prinzipien zu ziehen, wie ich dies am zuvor genannten Beispiel verdeutlicht habe. Es geht hier um die Begrenztheit der menschlichen Erkenntnis bei der Anwendung allgemeiner Grundsätze auf bestimmte Situationen. Daher ist eine Bildung des Gewissens erforderlich, damit diese „Anwendungen“ gelingen. Thomas führt in dem Zusammenhang selbst Beispiele an. Muss ich einem Eigentümer, der mir einen Gegenstand geliehen hat, diesen Gegenstand auch dann zurückgeben, wenn ich sicher weiß, dass der Eigentümer damit gleich anschließend etwas Böses tun will? Begehe ich einen Diebstahl, wenn ich den Gegenstand nicht, oder zumindest nicht in dieser Situation zurückgebe, in der der Eigentümer ihn zurückverlangt um damit etwas Unmoralisches zu tun? Dies ist das „Spezifische“ von dem Thomas im obigen Zitat spricht. Wenn man in solchen Fällen zu falschen Schlussfolgerungen kommt, dann beruht dies nach Thomas auf einer Beeinträchtigung des Verstandes durch Leidenschaften, schlechten Gewohnheiten oder einer pervertierten Vernunft. Thomas meint aber nicht, dass ein moralisches Naturgesetz selbst unzureichend „formuliert“ ist, zumal das Naturrecht gar keine „Formulierungen“ benötigt, da es in die „Herzen der Menschen“ eingeschrieben ist. Der Fehler liegt hier beim Handelnden und nicht beim Moralgesetz.


Die Art und Weise mit Texten Thomas von Aquins umzugehen, die eigentlich eines Papstes unwürdig sein sollte, ist schon seit langem im kirchlichen Bereich und auch außerhalb desselben verbreitet. Er findet sich vor allem bei einer „thomistischen“ Richtung, die oft als „Transzendentalthomismus“ bezeichnet wird und bis in die 1930er Jahre zurückreicht. Bekanntester Vertreter dieser Schule ist Joseph Maréchal, der mit anderen Transzendentalthomisten die Philosophie Immanuel Kants mit Thomas von Aquin versöhnen wollte, wohl auch, um in der Philosophie der Gegenwart besser anzukommen. Das Ergebnis war eine völlig neue Philosophie, die mit Thomas kaum noch etwas gemein hatte, allerdings sich stets auf Thomas berief und zwar in einer Thomas von Aquin massiv verfälschenden Art und Weise. Maréchal war übrigens wie der Papst Jesuit. Innerkirchlich wurde diese Philosophie insbesondere durch einen dritten Jesuiten wirkungsmächtig: Karl Rahner, der wie kaum ein anderer für die Neuerungen innerhalb der Kirche der letzten 50 Jahre verantwortlich ist.


Probleme wie der Umgang des Papstes mit Texten nicht nur Thomas von Aquins und massiven Änderungen und Brüchen in der kirchlichen Lehre, wie sie in Amoris Laetitia ihren bisher schlimmsten Ausdruck gefunden haben, beruhen letztlich darauf, dass man die scholastische Philosophie aus der Kirche und aus den kirchlichen Lehranstalten verbannt hat. An deren Stelle sind heute oftmals die empirischen Wissenschaften, wie Soziologie, Psychologie, Linguistik und Methoden wie die Hermeneutik getreten, die nicht annähernd das ersetzen können, was durch die scholastische Philosophie verloren gegangen ist. 
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